Immer wieder sprechen wir in Deutschland und auch sonstwo über Gleichberechtigung. Das Gendern hat spaltendes und dramatisierendes Potential in Gesprächen, Diskussionen, Texten. Die Lebensrealtität von Frauen ist komplett anders als die von Männern, die von People of Color anders als die von Weißen, die von queeren anders als die von heteronormativen Menschen. Es gibt noch viel zu tun für die menschliche Gleichberechtigung.
Aber wie sieht es mit der Gleichberechtigung allen Lebens aus?
Es gibt die Bewegung „Rights of Nature“, die sich dafür einsetzt, dass Ökosysteme, Flüsse oder auch einzelne Tierarten den Status eines Rechtssubjekts (juristische Person) erhalten. Dafür gibt es weltweit schon einige Beispiele. So hat Ecuador 2008 als erster Staat weltweit die Rechte der Natur in seiner Verfassung verankert. 2016 sprach das kolumbianische Verfassungsgericht dem Fluss Rio Atrato Rechte auf Schutz, Erhaltung und Sanierung zu – später folgten weitere Regionen. In Neuseeland gibt es gleich mehrere Beispiele: 2014 wurde der Nationalpark „Te Urewera“ zu einer eigenständigen Rechtsperson mit eigener Lebenskraft erklärt. Der heilige Vulkan „Mount Taranaki“ erhielt ebenfalls den Status einer Rechtsperson, genau wie – nach langen Kämpfen der Maori – der Fluss Whanganui River. Weitere Beispiele gibt es in Kanada, den USA und Peru. In Europa haben wir mit der Salzwasserlagune „Mar Menor“ in Spanien seit 2022 das erste Ökosystem mit eigenen Rechten.
In der unterschiedlichen Gewichtung der Verortung zeigt sich, dass diese Rechte vor allem von indigenen Gruppen erkämpft und vorangetrieben werden. Wer den Bestseller „Geflochtenes Süßgras“ von Robin Wall Kimmerer[1] gelesen hat, konnte die Ahnung einer anderen Sicht auf die Welt daraus mitnehmen, die den Menschen hier in Europa schon lange verlorengegangen ist.
Jascha Rohr nennt es in seinem Buch „Die große Kokreation“[2] den Subjekt-Objekt-Dualismus, den es zu überwinden gilt. Er beschreibt, dass wir Menschen uns stets als Subjekte sehen, die Objekten gegenüberstehen. Hierbei sind die Subjekte diejenigen, denen Rechte und Handlungsspielräume zugestanden werden, während die Objekte auf den Status von leblosen Gegenständen, die mensch beherrscht und sich zunutze macht, reduziert werden. Wie anders wäre eine Welt, in der nicht allein Menschen, sondern alles Belebte – also auch Tiere, Pflanzen, Ökosysteme, Flüsse etc. – gleichberechtigt wäre, also das gleiche Recht auf Leben, Schutz und Entfaltung hätte?!
Wenn z. B. der kleine Fluss, der durch meine Stadt fließt, als Subjekt gesehen würde, was würde ich dann in ihm sehen? Mir fällt sofort der Lebensraum der Wasserpflanzen und -tiere ein, seine Stimme im Fließen und Plätschern, die angenehme Kühle, die er im Sommer freigebig verschenkt, die Großzügigkeit, mit der er die Pflanzen an seinen Ufern versorgt. Ich denke daran, wie er Regen und Schmelzwasser in sich aufnimmt, dann über seine Ufer tritt und ganze Wiesen überschwemmt und wie er bei langanhaltender Trockenheit und Hitze immer schmäler wird. Vor meinen Augen erscheinen nun die Formen, die sein dahinfließendes Wasser auf seinem Grund malt und ständig verändert, und die glattgeschliffenen Kiesel, die schon lange dem Wasserstrom ausgesetzt waren. Je länger ich über den kleinen Fluss nachdenke, umso mehr wird er für mich zum Lebewesen – eine ganz eigene Wesenheit, die ich nicht vermenschlichen muss, um ihre Eigenheiten und Charakterzüge wahrzunehmen.
Sollte dieses Wesen und alle anderen seiner Art nicht so fließen dürfen, wie sie es von allein tun? Wie können wir uns anmaßen, Flüsse zu begradigen, in unterirdische Rohre zu verbannen, für Elektrizitätsgewinn anzustauen, mit Müll und Chemikalien zu verunreinigen?
Lasst uns solche Gedanken pflegen und weiterspinnen – mit Wäldern, Tieren, großen Bäumen und kleinen Pflanzen, mit der Luft, mit Gesteinen und Erzen in den Bergen, mit den Meeren und Küsten, Gebirgen und Ebenen. Lasst uns unsere Sichtweise verändern, denn dann passiert folgendes: wir schauen uns um und sehen überall Leben!
Und ganz automatisch stellt sich Achtsamkeit ein: nicht aus Vernunft, nicht, weil ich ein guter Mensch sein will und auch nicht, weil es gerade Mode ist.
Während ich diese Zeilen schreibe, erreicht mich die Nachricht, dass laut des neuesten UNO-Berichts unser Planet Erde bei Fortsetzung der bisherigen Klimapolitik auf eine Erwärmung von 2,8 Grad bis 2100 zusteuert. Achtsam mit den Ressourcen umzugehen, ist nicht eine Mode – unsere Lebensgrundlagen zu erhalten, ist lebensnotwendig geworden!
Betrachten wir die Erde als Subjekt, als lebendiges Wesen, sehen und fühlen wir, wie krank und in Not sie ist. Bei einem Menschen im Zustand unserer Erde hätten wir schon längst den Krankenwagen gerufen. Notaufnahme, Intensivstation und alles Menschenmögliche zu seiner Rettung zu tun – das wäre unsere Reaktion bei einem Menschen. Und bei unserer Lebensbasis fällt uns nicht ein als Ignoranz?
Trotzdem glaube ich, dass wir alle, und ich meine wirklich alle, wollen, dass auch die kommenden Generationen hier ein gutes Leben haben können. Nun ist es höchste Zeit, etwas dafür zu tun. Also lasst uns endlich unsere Kräfte, all unser Wissen und auch unser Geld zusammenlegen, um die Basis unseres Lebens zu erhalten!
Und während wir das tun, sollten wir vielleicht auch neu definieren, was eigentlich ein „gutes Leben“ ist – aber dazu mehr in meinem nächsten Blog.
[1] Robin Wall Kimmerer: Geflochtenes Süßgras – Die Weisheit der Pflanzen, Aufbau-Verlag 2021
[2] Jascha Rohr: Die große Kokreation – Eine Werkstatt für alle, die nicht mehr untergehen wollen, Murmann-Verlag 2023
